Offen für Innovatives

Kitzingen könnte eine der ersten Städte sein, in denen autonomes Fahren im realen Raum stattfindet. Oberbürgermeister Stefan Güntner möchte die Pläne jedenfalls vorantreiben. Kürzlich besuchte er mit einer Delegation eine Versuchsstrecke in Schweinfurt. Probefahrt im autonomen Shuttle-Bus inklusive.

Glückliche Gesichter nach der Probefahrt im autonom fahrenden Shuttle: Bauamtsleiter Oliver Graumann, OB Stefan Güntner, Stadtrat Klaus Sanzenbacher und der Sachgebietsleiter Tiefbau, Hilmar Hein.

Zwei Wochen lang stellten die Mitarbeiter von „ZF Mobility Solutions“ ihr innovatives Projekt an vier Stationen auf dem Werksgelände von ZF Schweinfurt vor. Jochen Benz, Leiter Vertrieb und Geschäftsentwicklung von ZF Mobility Solutions sowie Projektleiter, erinnerte an die Herausforderungen der Mobilität im 21. Jahrhundert: Ein hoher Grad an Individualverkehr, der die Umwelt massiv belastet, eine geringe Auslastung der Busse von durchschnittlich 18 Prozent, eine teils mangelhafte Anbindung, gerade im ländlichen Raum, und nicht zuletzt ein eklatanter Mangel an Busfahrern. „Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen spricht von rund 31 000 fehlenden Fahrern“, so Benz. „Tendenz weiter steigend.“

Der Umstieg auf Elektrofahrzeuge könne so manches Umweltproblem lösen – aber nicht die Stauprobleme in den Städten, gab Benz zu bedenken. Ein massiver Umstieg vom Individualverkehr auf den Öffentlichen Nahverkehr sei die bessere Lösung, zumal wenn die Busse elektrisch betrieben werden. „Aber dafür müssen die Angebote attraktiver werden.“

Wie attraktiv – und sicher – autonomes Fahren sein kann, davon überzeugte sich die Kitzinger Delegation bei einer Shuttle-Probefahrt. Bis zu 22 Personen finden in dem Gefährt mit dem Modellnamen „GRT – Group Rapid Transit“ Platz, das derzeit auf maximal 40 km/h beschleunigen kann. Im sogenannten „Krebsgang“ fährt das Shuttle dank zweier lenkbarer Achsen Haltestellen seitlich versetzt an, saugt sich gewissermaßen an die Halteplattform an. Auf der Strecke orientieren sich Sensoren an Magneten, die im Abstand von zwei bis vier Metern im Straßenbelag eingelassen sind, um zu jedem Zeitpunkt das Fahrzeug zu lokalisieren. Mit Hilfe von Kameras, Radar- und Lidar-Sensoren kann das Shuttle alle Objekte auf der Straße erkennen und in potenzielle Gefahrenstufen einordnen: Fahrende und parkende Autos, Radfahrer, Fußgänger. „In einer Sekunde werden 60 bis 70 Gigabyte an Daten und Informationen verarbeitet“, erklärte Benz. Im Gegensatz zum Menschen reagiert die Technik ohne eine Schrecksekunde – und damit ein entscheidendes Stück

schneller. Für die nötige Sicherheit sorgt ein leistungsstarker Computer, der die von Mikrofonen, Sensoren und Kameras übermittelten Informationen Millisekundengenau verarbeitet.

Das Shuttle ist im Realbetrieb ohne Fahrer oder Fahrzeugbegleiter unterwegs, wird von Mitarbeitern in einem Leitstand aber dauerhaft beaufsichtigt. „Im Notfall kann die Kommunikation zu den Passagieren von dort aus hergestellt werden“, informierte Benz und betonte die Bedeutung des Projektes für das Unternehmen ZF. Rund 5000 Mitarbeiter sind in verschiedenen Abteilungen schon jetzt mit dem Thema automatisiertes und autonomes Fahren beschäftigt. „Das ist für uns kein Experiment oder Spielfeld, sondern ein bedeutender Bestandteil unserer Vision für die Zukunft.“

Im niederländischen Rotterdam sind Shuttle von ZF bereits im Einsatz, in diesem Jahr soll ein erstes Projekt auf einem Werksgelände von ZF in Saarbrücken verwirklicht werden. Bis Ende des kommenden Jahres sollen weitere Testfahrzeuge in einem Wohngebiet in Mannheim unterwegs sein, gefolgt 2024 von innerstädtischen und Überland-Anwendungen in Friedrichshafen. „Im Jahr 2025 wollen wir dann für den Dauerbetrieb im Mischverkehr gerüstet sein“, kündigte Benz an. Bis zu 60 km/h schnell soll ein autonomes Shuttle dann fahren können.

Für OB Stefan Güntner ist die Geschwindigkeit kein ausschlaggebendes Kriterium. Er möchte möglichst schnell einen nachhaltigen und attraktiven öffentlichen Nahverkehr im Stadtgebiet etablieren, kann sich eine Hauptstrecke von der Siedlung bis in die Marshall-Heights mit Anbindung an den Bahnhof, die Klinik Kitzinger Land und den Innopark vorstellen. Eine zweite Strecke könnte sich vom Bahnhof bis zu ConneKT erstrecken. „Die Ortsteile könnten wir auch mit eingliedern“, meinte er.

Als Fahrbahn schwebt ihm einer der kombinierten Rad-, Gehwege entlang der B8 vor. „Für uns macht das System nur Sinn, wenn es eine separate Spur gibt“, betonte er. „Wenn die Fahrgäste ohne Stau und Ampel an ihr Ziel gelangen.“ Das Shuttle soll für Kitzingen langfristig die gleiche Funktion erfüllen wie eine Straßenbahn für eine Großstadt.

Eine Machbarkeitsstudie ist bereits für ZF als Fahrzeughersteller und DB Regio als potenziellen Betreiber in Auftrag gegeben worden. Die Eindrücke des Besuches in Schweinfurt haben den OB in seiner Meinung noch einmal bestärkt: „Dem autonomen Fahren gehört die Zukunft“, meinte er. „Gerade in Städten wie Kitzingen.“